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Ironman Wales: mein bisher härtestes & längstes Rennen

Wer hätte gedacht, dass es nach dem diesjährigen Ironman Germany in Frankfurt noch eine Steigerung hinsichtlich der Bedingungen geben könnte?!?!??!
Ich war auf vieles vorbereitet: Regen, Wind und schlechte Strassen, Wellengang beim Schwimmen und ein welligen Marathon … mein Erwartungen wurden bei weitem übertroffen, in negativer Hinsicht. In Anbetracht aller Faktoren kann ich (und viele meiner Mittstreiter) behaupten, den aktuell schwersten Ironman im Programm gefinisht und überlebt zu haben. Jeder, aber auch wirklich jeder, musste sehr sehr hart für sein Finisher-Shirt arbeiten und darf bzw. sollte es mit Stolz tragen!!!

Freitag:

  • Fahrt von Reading nach Tenby, dem Veranstaltungsort.
  • Idyllisch an der Küste gelegen, ein sehr schöner Ort mit historischem Stadtkern und sehr engen Gassen und Strassen.
  • Kein flacher Meter im Ort, es geht immer auf- oder abwärts.
  • Wechselzone befindet sich am höchsten Punkt des Ortes, direkt an einer Steilküste und somit ohne Schutz vor Wind und Wetter.
  • Sehr kleine Triathlon-Messe mit geschätzten 7 Ständen.
  • Die kulinarische Auswahl bestand aus Hamburgern und einem kleinen Probierstand regionaler Spezialitäten
  • Registrierung war problemlos und schnell möglich, kaum Wartezeit
  • Anschliessend ging es weiter zur Wettkampfbesprechung, in einem grossen Zelt auf einem Feld bei nassen und kalten Bedingungen
  • Nicht an der Pastaparty teilgenommen, da Bedingungen zu schlecht
  • Fahrt zur Unterkunft in der Nähe von Tenby
  • Fahrrad zusammengebaut

 

Samstag:

  • letzte Trainingseinheit auf dem Rad und zu Fuss, ziemlich gute Beine
  • Hinterher war Putzen angesagt, die Wetterbedingungen war grandios schlecht
  • Einchecken des Materials in der WZ; die Fahrräder blieben kaum auf dem Ständer, so heftig war der Wind
  • Schwimmen wurde aufgrund der Bedingungen an den anderen Strand verlegt

 

Sonntag:
Kurz vor 4 Uhr klingelte der Wecker, nach dem üblichen Frühstück machten wird uns gegen 4:45 auf den Weg nach Tenby. Dort kamen wir gegen 5:15 an, kurze Zeit später traf ich in der Wechselzone ein. In aller Ruhe konnte ich die letzten Vorbereitungen treffen. Direkt danach ging es in das Wechselzelt, um den Neoprenanzug anzuziehen und gegen 6:15 Uhr machten wir uns auf den langen Weg zum Strand. Dazu mussten wir einmal komplett durch den Ort laufen, da das Schwimmen an den North Beach verlegt wurde. Die Wellen und die Strömung am South Beach waren zu stark, dort herrschten ca. 2-3m hohe Wellen. Ideal für Surfer, aber nichts für Schwimmer.


Am Start angekommen mussten wir ein zweites Paar Laufschuhe platzieren, um genau diesen Weg zur Wechselzone nach dem Schwimmen wieder zurückzulegen. Die Strecke war ca. 1,5km lang, ein ziemlich langer Wechsel stand uns bevor.
Die Zeit bis zum Start verbrachte ich mit ein paar Aufwärmübungen, auf das Einschwimmen habe ich bei 14°C Wassertemperatur dankend verzichtet. Der Schwimmkurs war ein Dreickskurs, vom Start ging es schräg nach links weg, danach parallel zum Strand und schliesslich wieder quer zurück zum Strand. Das ganze war zweimal zu absolvieren. Für den Schwimmstart sollten sich die Veranstalter fürs nächste Jahr was einfallen lassen, sonst rennen wieder hunderte Leute erst am Strand entlang und springen erst im allerletzten Moment ins Wasser – abgekürt sozusagen … ich war auch dabei, u.a. deswegen ist meine erste Schwimmrunde 5min schneller als die zweite. Mann rennt halt doch deutlich schneller als man schwimmt 🙂
Das Schwimmen an sich hatte ich mir deutlich schlimmer vorgestellt, mit den Bedingungen kam ich eigentlich sehr gut zurecht. Die Wellen waren zwar 1m hoch und vor allem um die erste Wendeboje rum war es sehr heftig, trotzdem wurde mir nicht schlecht bzw. ich wurde nicht seekrank. Damit hatte ich eigentlich gerechnet. Die Orientierung war aufgrund der hohen Wellen sehr schwierig bzw. teilweise unmöglich, die Bojen waren meistens erst nach mehreren Versuchen zu sehen. Die Wellen führten auch dazu, dass man ab und an komplett ins Leere griff und den Arm frei durch die Luft bewegte. Es kam auch vor, dass man von einer auf die andere Sekunde plötzlich eine Etage tiefer lag. Eben war da noch Wasser, jetzt halt nicht mehr … und dann plumpst man halt nach unten. Das Salzwasser war etwas ungewohnt, vor allem der Geschmack im Mund. Zum Glück musste ich nicht allzuviel davon schlucken. Es hat sehr lange gedauert, bis dieser Geschmack wieder aus dem Mund war. Die erste Schwimm-Runde absolvierte ich in 25 Minuten, die zweite in 30, insgesamt stand eine Schwimmzeit von 55:17 Minuten zu Buche.

Nach dem Ausstieg aus der Waschtrommel ging es über den Strand zu Serpentinen, die uns den Weg nach oben ermöglichten. In den Serpentinen war die provisorisch eingerichtet “Wechselzone 0”, an der die meisten den Neo auszogen und die Laufschuhe für den Weg zur eigentlichen Wechselzone anzogen. Mit Neo in der Hand ging es los auf den langen Weg, die Zeit betrug insgesamt 7:59 Minuten für den Wechsel. Im Wechselzelt angekommen holte ich mir meinen Beutel, zog Socken, Armlinge, Radtrikot und Windjacke an sowie den Helm auf. Den Neo und die restlichen Schwimmsachen verstaute ich im Wechselbeutel und gab ihn einem Helfer. Weiter ging es durch die WZ zum Rad, danach zum Ausgang und es folgte die härteste Radeinheit meines Lebens.
Vom Streckenverhältnissen konnte ich mir an den Vortagen schon einen Eindruck verschaffen: sehr grober Asphalt, sehr viel Rollsplit, viele Schlaglöcher, viele Verkehrsberuhigungshügel, dreckig und eng, viele Ecken und Kurven, kaum flache Abschnitte, in der Regel ging es bergab oder bergan – das alles garniert mit Windgeschwindigkeiten von 40-60km/h, in 90% der Fälle natürlich nicht von hinten.
So sollte es auch am Wettkampftag sein, zum Glück hat es nicht auch noch geregnet. So machte ich mich auf eine letztendlich 6:10h lange Radtour, damit hätte ich vorher nicht gerechnet. Das hatte u.a. damit zu tun, dass die Radstrecke 2500 Höhenmeter hat, satte 600 mehr als vom Veranstalter angegeben. Die Strecke ist sehr sehr langsam, das zeigt auch die schnellste Radzeit des Tages mit 5:10h. Normalerweise fährt in jedem Ironman mind. einer unter 4:30h … Die Abfahrten sind alle sehr eng und kurvenreich, so dass man kaum Geschwindigkeit bolzen kann.
Die erste Runde führte zuerst weiter westlich, frontal gegen Wind und immer wieder bergab und bergan.

An der Küste angekommen geht es für ein Stück nördlich direkt an der Küste entlang auf sehr engen und sandigen Strassen durch Dünen hindurch. Der schlimmste Streckenabschnitt, ich konnte mich kaum auf dem Rad halten, so heftig blies der Wind. Mit einem Bein ausgeklickt zum Balance-Halten, den Lenker krampfhaft festhaltend, den Aerohelm schief auf dem Kopf ging es mit Tränen in den Augen die Abfahrt hinunter – mal ganz links auf der Strasse, im nächsten Moment wieder zwei Meter weiter rechts. Es war völlig unberechenbar und richtig gefährlich da draussen, solche Radbedingungen hatte ich noch nie! Direkt nach der Abfahrt kam mal wieder eine 15%-Steigung, danach ging es wellig weiter bis zum ersten Wendepunkt. Die erste Verpflegungstelle kam nach weit über 35km, direkt in einer Abfahrt durch einen Ort … das sollte System haben, alle Verpflegungstellen waren entweder in Abfahrten oder direkt in Kurven, zur Abwechslung mal auf der linken oder rechten Strassenseite. Was soll das? Warum macht man den Athleten das Leben unnötig schwer?
Kurze Zeit nach der Verpflegungstelle ging das Elend dann los, mein allererster Plattfuss in einem Wettkampf. Kein Wunder bei den Strassenverhältnissen, ein kleiner Stein hatte ein Loch seitlich in meinen Vorderreifen gerissen. Mit Pannenspray konnte ich den Platten wieder flicken und mit einem Zeitverlust von ca. 2 Minuten weiterfahren. Weitere 20km, etliche Höhenmeter und Windböen später dann Plattfluss Nummer zwei, wieder am Vorderrad und direkt in einer Abfahrt. Irgendwie kam ich da noch heil runter, aber mit nem Platten durch Kurven macht auch mit Schlauchreifen keinen Spass. Ich hatte Hoffnung, den wieder mit Pannenspray flicken zu können und pumpte die zweite Dose hinein. Ein freundlicher Zuschauer hat mir dabei geholfen und mein Rad gehalten. Dieser wollte erstmal wissen, wo ich herkomme und warum ich denn nicht so gut Englisch spreche, da ich nur ganz kurz geantwortet hatte. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich hier gerade ein Rennen fahre und etwas aufgeregt bzw. stocksauer wegen der Platten bin – und deswegen etwas kurz angebunden war. Er hat das dann auch eingesehen und mich in Ruhe machen lassen. Nette Begegnung, sorry nochmal für meine Redseligkeit.
Mit etwas mehr Luft als zuvor ging es dann weiter, allerdings nicht weit. Der Reifen war wieder platt und in dem Momenet war mir klar, dass es mit der Quali endgültig nix werden würde. Die ersten Gedanken bzgl. Aufgabe kamen hoch, die Radstrecke wollte ich aber noch irgendwie zu Ende bringen. Ich musste ja irgendwie in die WZ kommen, einen Besenwagen gab es dort nicht (Kampfrichter übrigens auch nicht, jedenfalls hab ich keinen einzigen gesehen).
In aller Ruhe habe ich dann den Vorderreifen komplett gewechselt und mit meiner letzten CO2-Kartusche aufgepumpt. Das hat mich knapp 9min gekostet, insgesamt habe ich durch die Pannen ca. 15min Zeit verloren.
Ohne grössere Motivation ging es dann weiter in Richtung Ziel, immer wieder bergan und bergab, seltenst in Aeroposition, meistenst Oberlenker. Manche Leute habe ich auf der Radstrecke 4x überholt, die werden sich auch ihren Teil gedacht haben …
Kurz vor dem Ende der zweiten Runde kam dann noch die Krönung: zwei Anstiege mit 16% Steigung, insgesamt knapp 1,5km lang. Ich fahre selten am Berg unter 10km/h, aber da war ich auch mal mit 6km/h und in Schlangenlinien unterwegs. Und das ganze kam in der letzten Runde nochmal, knapp 4km vor der WZ. Herzlichen Glückwunsch hierzu, in der zweiten Runde hatte ich auch schon mal überlegt, das Rad einfach hochzuschieben. Viel langsamer wäre es nicht gewesen. Da wäre ein 25er oder sogar ein 27er Ritzel nicht schlecht gewesen, so quälte ich mich mit meinem 23er da hoch. Die Abfahrten waren dann wieder so eng, gegen den Wind und auf so schlechten Strassen, dass selbst da kaum ein Vorankommen war. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich gleich 3 Trinkflaschen verloren habe? Alle sind mir in Schlaglöchern aus dem Halter geflogen.
Irgendwann hatte ich es dann doch in die WZ gepackt, mit Rückenschmerzen und Krämpfen im Nacken und den Händen (vom Lenker festhalten und dauerndem Schalten). Zum Glück war das Rad vorbei. Zwischen meiner gestoppten Zeit und der offiziellen liegen ziemlich genau 15 Minuten. Hinzu kommen noch mal ca. 10min, die ich aufgrund meiner fehlenden Motivation verloren habe. Mit 25min weniger auf der Uhr hätte ich noch eine realistische Chance gehabt auf einen Hawaii-Slot. So war der Marathon nur noch Zugabe.
Frohen Mutes machte ich mich also auf den Weg, wurde aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Der
Marathon ist keinen Deut einfacher als die Radstrecke und passt absolut zu dem Wettkampf. 600 Höhenmeter hatte er, keinerlei flachen Stellen und das Tüpfelchen auf dem i dieser Veranstaltung. Durch das wellige Tenby ging es hindurch, anschliessend eine Senke hinunter und dann ca. 2,5km berghoch mit teilweise 10% Steigung. Oben angekommen ging es die gleiche Strecke zurück, dieses Mal bergab und gegen den Wind. Die Strecke war ca. 1m breit pro Richtung, ab Runde 3 war Überholen ein echtes Problem. In Tenby selbst ging es wellig um jede Ecke, die in dieser Stadt zu finden war. Ich bin selten so viele 90°- und 180°-Kurven in so kurzer Zeit gerannt. Gegen Ende der Strecke ging es einen ca. 1m breiten Weg an der Küste entlang, gefolgt von einem ca. 30m langen 25% Steilstrück – Hochlaufen hat da keinen Sinn, die allermeisten sind gegangen. So auch ich, und ich würde mich als guten Läufer bezeichnen. Anschliessend gehts direkt durch die Stadtmauer durch, Treppen hinunter und wieder hoch zum Ende der Runde. Das ganze war vier Mal zu absolvieren!
Die erste Runde bin ich noch voll gelaufen, in 47:18min. Die zweite Runde war nur noch bis KM7 voll, danach habe ich meine Platzierung erfahren. Platz 24 und die endgültige Gewissheit, dass das Ziel nicht mehr zu erreichen war. Ich hab dann erstmal eine Pause von 4 Minuten bei meinen Begleitern eingelegt, ihnen von meinem Tag erzählt und mit ihnen beraten, ob Aufgeben nicht die bessere Option wäre. Letztendlich fiel dann die Entscheidung auf Weitermachen, im Nachhinein die richtige Entscheidung. Meine Zielsetzung habe ich entsprechend angepasst. Von nun an stand im Vordergrund, so viel wie möglich zu Essen und zu Trinken, um das viel Startgeld irgendwie wieder reinzubringen 😉
Das ging genau eine Runde gut, danach spannte mein Magen und es ging nix mehr rein. Dementsprechend lahm bin ich auch gerannt, die Runden zwei und drei absolvierte ich in je 52min. In der letzten Runde packte mich nochmal der Ehrgeiz, diese absolvierte ich in 50min. Ach ja, nass wurden wir an diesem Tage auch noch. in Runde drei prasselte ein ziemlich heftiger Schauer auf uns nieder und ich fror eine ganze Weile lang sehr stark.
Auf der offiziellen Ergebnisliste steht eine Marathonzeit von 3:23:58h, nicht so übel im Nachhinein. Vor allem wenn man die 4min Pause und die beiden lahmen Runden mit einbezieht.
Nach insgesamt 10 Stunden, 40 Minuten und 32 Sekunden lief ich im Ziel ein und beendete das Rennen. Es war definitiv das härteste Rennen meiner Laufbahn, das Wort “episch” trifft es ziemlich gut. Daran werde ich mich auch noch in 50 Jahren erinnern, an jeden einzelnen Meter davon.
So, dann hat man endlich die Ziellinie überquert, ist trotz allem ziemlich fertig mit der Welt und freut sich auf eine Belohnung in Form von Essen und Trinken sowie einer warmen Dusche – und wird herbe enttäuscht. Duschen waren einfach nicht vorhanden; zu Trinken gab es Wasser und Iso-Plörre (super Idee …); zu Essen Powerbar-Gels (davon hatte ich ja erst 23 gegessen), Mars, Twix, Snickers, Kartoffel-Chips und Fish & Chips. Klasse Auswahl, da fällt mir nix dazu ein. Oder bin ich vielleicht schon zu verwöhnt von anderen Rennen?!

 

Fazit:

der härteste & längste Wettkampf meiner bisherigen Karriere, er wird mir immer in Erinnerung bleiben. Leider hatte ich durch das Pech auf dem Rad keine Chance, mein Ziel zu erreichen. So gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge in die wohlverdiente Offseason.

 

Weitere Bilder vom Wettkampf sind hier zu finden.

1 reply on “Ironman Wales: mein bisher härtestes & längstes Rennen”

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